Nächtlicher Bergrutsch
Reisedatum: 15. - 16. August 1992
Vom Lake Tahoe zum Yosemite National Park
Am folgenden Tag, Samstag, den 15.08., fuhren Sara und ich Richtung Yosemite National Park. Von South Lake Tahoe waren es nur gut 200 Meilen. Also etwa vier Stunden Fahrtzeit. So fuhren wir von der Emerald Bay, wo wir unser Lager aufgeschlagen hatten, in nördlicher Richtung um den Lake Tahoe bis zur nordöstlichen Spitze des Sees, um bei Crystal Bay der Ponderosa Ranch aus der Fernsehserie Bonanza noch einen kurzen Besuch abstatteten. Diese zwei Stunden Umweg konnten wir uns leisten, da wir uns bereits recht früh auf den Weg gemacht hatten. Gegen 11:00 Uhr ging es weiter, wir hatten noch 211 Meilen zwischen der Ponderosa Ranch und dem Yosemite National Park hinter uns zu bringen.
Wir fuhren zwischen Wüste und Bergen entlang, genossen die herrlichen Landschaften. Im Radio spielte Springsteen und sein River passte geradezu in diese Landschaft. Sara saß neben mir, hatte ihre Füße auf dem Amaturenbrett und versuchte sich die Zehen zu lackieren. Obwohl wir mit den üblichen langsamen knapp 60 mph den Highway entlang “Cruising” hatte ich doch starke Zweifel, ob es ihr gelingen würde. Aber Sara machte sich nichts daraus; sie war Profi was das Lackieren von Nägel anbetraf. Auch nicht nur einen Millimeter rutschte sie daneben. Ich kurbelte das Fenster runter – trotz der Klimaanlage. Aber der Geruch des Nagellacks war besser bei offenem Fenster zu ertragen.
Yosemite National Park
Am Nachmittag erreichten wir das Yosemite Valley über den Westeingang, der über den 3031 Meter hohen Tioga Pass führt. Auf dem Weg ins Tal hielten wir noch beim abgebrochenen Riesensequoia an. Wir betrachteten dieses Zeugnis jahrhunderte alter Baumriesen und fuhren dann, wie alle anderen auch, mit dem Auto hindurch. Es ist beeindruckend, sich auch nur vorzustellen, dass es Bäume gibt, die so groß sind, das ein Auto durch den Stamm fahren kann.
Im Valley angekommen, suchten wir das Visitorcenter auf. Zum einen wollten wir uns informieren, was man in der kurzen Zeit unseres Aufenthaltes unternehmen könnten. Und wir brauchten natürlich noch einen Platz zum Übernachten, am besten ein kleiner netter Zeltplatz im Tal. Diese Idee war nicht allein unsere. Kurzum, im ganzen Park gab es keinen Platz mehr, an dem wir unser Zelt aufstellen konnten. Und wild campen war im Park nicht drin. Die Ranger fuhren regelmäßig durch und baten alle Wildcamper höflichst aber mit Nachdruck sich einen legalen Platz zu suchen oder den Park zu verlassen. Im Park war es aussichtslos. Nachdem wir ziemlich enttäuscht dreinblickend vor der netten Rangerin standen und wahrscheinlich auch ziemlich hilflos aussahen, war sie so freundlich uns den Tipp zu geben, den Park Richtung Merced zu verlassen. Kurz hinter El Portal würde der Sheriff aufgrund der Überfüllung im Park das Wildcampen am Merced River erlauben.
El Portal am Merced River
Wir fanden einen wunderschönen Platz. wir stellten unser Auto am Straßenrand ab, nahmen unser Zelt, gingen die zwei bis drei Meter recht steile Böschung hinab und bauten unser Zelt unter zwei Bäumen 10 Meter vom des sich langsam dahin schlängelnden Merced Rivers auf. Was für eine Idylle! Schade, dass wir den Platz nur so kurz genießen konnten, denn wir planten morgen früh bereits um 4:30 Uhr in der früh von hier aufzubrechen, da wir den Sonnenaufgang am Glacier Point, genau 900 Meter über dem Yosemite Valley anschauen wollten.
Wir nutzten die Gelegenheit und gingen noch kurz im Fluss baden. Der Sheriff schaute vorbei, war für einen Amerikaner in Uniform sehr nett und bat uns nur allen Müll, wieder mitzunehmen, was wir natürlich versprachen. Dann bereiteten wir noch kurz etwas zum Essen zu. Sara fuhr nochmals kurz in den nächsten Ort und kam mit einem Sixpack MGD zurück, was wir gemeinsam noch leerten, bevor wir dann recht früh zu Bett gingen; wir wollten wie gesagt sehr zeitig aufstehen.
Ich schlief wie immer sofort ein. Sara war fast am einschlafen, als weitere Wildcamper ankamen. Mit lautem Gejohle und Rufen bauten sie in der Dunkelheit ihre Zelte auf. Es muss eine ganze Gruppe gewesen sein, denn sie bauten in alter Westernmanier eine Zeltburg auf. Sara konnte natürlich so nicht schlafen und ließ mich dies auch wissen – sie weckte mich und sagte, dass sie so nicht schlafen könne. Was soll ich denn machen? Lass doch wenigstens mich schlafen! Gut nachdem ich wach war und die Gruppe nun auch noch eine Guitarre rausholte und dann alle begannen zu musizieren, konnte Sara natürlich überhaupt nicht mehr schlafen. Ich fand es eigentlich ganz angenehm. Ich schlief recht schnell wieder ein. Sara erzählte mir am nächsten Morgen, dass sie so gut wie gar nicht geschlafen habe. Um vier Uhr klingelte mein Wecker.
Späte Rache
Wir bauten unser Zelt ab und Sara dachte gar nicht daran auch nur im Geringsten Lärm zu vermeiden. Wenn sie am Schlafen gehindert wurde, war sie recht nachtragend. Ich versuchte dennoch möglichst Lärm zu vermeiden. Das einzig blöde war, dass wir auf dem Weg zu unserem Auto, oberhalb der Böschung durch das Lager der Gruppe laufen mussten. Ebenso war es im Dunkeln nicht ganz einfach den Weg die Böschung hinauf zu kommen. Immer wieder rutschten wir ab und ein paar Steine rollten ins Lager hinein. Sara fand einen anderen Weg, den sie mir als Abkürzung anbot. Ich sagte ihr, dass ich beim alten Weg bliebe, da ich ihn nun kenne und mich deshalb auf diesem Weg besser zurecht fände. Sara ging wie immer ihren eigen Weg. Als sie an die Böschung kam, versuchte sie hinauf zu krabbeln. Dieser Weg, das weiß ich nun im Nachhinein, war viel steiler. Sara rutschte nach wenigen Schritten aus, blieb an einem kleineren Stein hängen, den sie somit löste. Dieser Stein stieß an andere Steine, größere Steine und es löste sich eine kleine Lawine. Nicht gefährlich, aber laut. Diese Lawine rollte nun durch das Lager und weckte alle dort auf. Es gab ein riesiges Geschrei. Ein paar kamen aus ihren Zelten und sahen Sara, die mit ihrer Taschenlampe unterhalb der Böschung auf dem Rücken lag und brüllten ihr wüste Beschimpfungen entgegen. Ich rutschte, nachdem ich alle meine Sachen im Auto bereits verstaut hatte, wieder die Böschung hinunter, half Sara auf die Beine, zog sie die Böschung hoch, bevor noch einer auf die Idee kam ihr hinterher zu rennen, da sie ihr bestes Vulgärenglisch auspackte und den Beschimpfungen noch wüster entgegnete. Ich schob sie ins Auto, schlug die Türen zu, startete und fuhr los.
Sara konnte sich nicht beruhigen. Sie schimpfte immer noch weiter. Ich beruhigte sie langsam, sagte ihr, sie solle sich noch ein wenig ausruhen, da wir eine gute Stunde Fahrtzeit hatten, bis wir am Glacier Point ankommen sollten.
Schlagworte: California, Campen, Lake Tahoe, teaser, Tioga Pass, Yosemite
- 21. Dezember 2008
- Südwesten 1992
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